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Manche Menschen sind schon lange bevor man sie sieht zu hören. Dieser braungebrannte Mittfünfziger gehört auch dazu. Lautstark kündigt er die Bestückung der Regale an:

Selbstmord? Sie fragt sicherheitshalber noch einmal nach, kann nicht fassen, was ihr da gerade am Telefon mitgeteilt wird. Kann es wirklich sein, dass der Opa, der immer da war und selbstverständlich auch immer da sein wird, nun tatsächlich nicht mehr da ist?
14 Tage vergehen...gefüllt mit dermaßen viel Stress, dass sie kaum Zeit hat darüber nachzudenken. Und dann: der Urlaubsantrag, lange, viel zu verständnisvolle, aber gut gemeinte Gespräche mit der Chefin.
Auf einmal ist es Freitag, sie sitzt im Zug. Mit jedem Kilometer, den sie näher nach Hause kommt, wird sie nachdenklicher.
Eine angespannte Begrüßung auf dem Bahnhof. Ihr Vater ist fast unfreundlich, schimpft über alle Autofahrer der Kleinstadt, redet kaum mit ihr.
Die Wohnung ihrer Oma ist prall gefüllt mit der Verwandtschaft. Trotz des Anlasses freut sie sich sie alle wiederzusehen. Ihrem fröhlichen Lächeln bei der Begrüßungsrunde werden extrem betroffene Blicke entgegengesetzt. Sie fühlt sich, als ob sie sich völlig falsch verhalten würde. Kann man sich in einer solchen Situation überhaupt richtig verhalten?
Die Fahrt zum Friedhof ist kurz, das Wetter hat sich der Situation angepasst. Es ist kalt. Lange steht sie mit Verwandten und Freunden vor der Kapelle; froh über jedes bekannte Gesicht mit dem sie ein paar Worte wechseln kann.
Die Trauerrede ist schön. Sie weint. Endlich. Lange Zeit war das nicht möglich. Nun kann sie sich erinnern an all die schönen Tage, sein verschmitztes Lächeln, seine Worte, sein Lachen.
Der Weg zum Grab ist lang. Aber er gibt ihr die Möglichkeit sich zu sammeln, tief durchzuatmen, zu Kräften zu kommen. Ein Weg, den sie niemals vergessen wird.
Ein letzter Blick auf die Urne, dann folgt das obligatorische Kaffeetrinken.
Endlich hat sie Gelegenheit mit ihrer Oma zu sprechen. Vielleicht eines der schönsten Gespräche, das sie jemals mit ihr hatte. Gespickt mit Zitaten ihres verstorbenen Großvaters, erinnert an seine Fröhlichkeit und Zuversicht, die sowohl in ihr als auch vor allem in ihrer Oma weiterlebt.
Den ganzen Tag über ignoriert sie die kleineren und größeren Zwistigkeiten zwischen ihren Verwandten. Auch den ach so schlauen Kommentar ihrer Tante:

Verlässt man das Haus, gerät man automatisch in Kontakt mit anderen Menschen. Geht man dann noch in eine Disco, erst recht.
Gut, es ist voll, die Garderobe direkt neben dem Eingang, an einen freien Durchgang ist nicht zu denken. Möglichkeiten des Kontaktknüpfens mag man jetzt denken. An sich nicht verkehrt, denn der junge Mann hinter mir drückt mir jetzt schon seit mindestens fünf Minuten seinen Bauch in den Rücken. Es dauert, aber irgendwann ist auch diese Ansteherei überstanden.
Ein Stück weiter bleibe ich stehen. Erstmal Leute gucken, der Musik lauschen.
Und wieder muss ich mir die Frage aller Fragen stellen: Warum gehen alle Menschen bloß immer an der Seite lang, wo nur ca. zwei Zentimeter Platz sind, wenn auf der anderen Seite bequem noch ein Linienbus Platz hätte?
Später auf der Tanzfläche. Es ist immer noch voll, unabsichtliches Anrempeln vorprogrammiert. Kein Problem, damit muss man leben - oder man bleibt zu Hause. Aber den Typen der sich mindestens eine Minute von hinten an mich ran kuschelt ohne zu sagen, dass er einfach nur vorbei möchte...den versteh ich wirklich nicht. Steht auf meiner Stirn, dass ich auf Körperkontakte mit wildfremden Menschen stehe? Signalisiere ich durch meine Körpersprache ein sehnsuchtsvolles "Ja, fass mich an, auch wenn du besoffen und ein totaler Vollpfosten bist!"? Augenscheinlich... Auf meine Frage, warum er nicht einfach etwas gesagt hätte bekomme ich nur ein mysteriöses Grinsen und die halbgelallten Worte: "Na, das wär dann aber nicht so schön gewesen!"
Andere - wiederum bis zum Anschlag volltrunkene - tanzen gedankenverloren vor sich hin, stolpern sowohl über die eigenen als auch über die Füße aller anderen Menschen in ihrer näheren Umgebung. Dann ein Lied lang Kontakt mit einer Handtasche - gut, dass der Metallverschluss nicht allzu groß ist, so belaufen sich die Kratzer nur auf ein Minimum. Und plötzlich steht er neben mir - der König der Luftgitarre. Bei jedem Saitenanschlag drückt sich sein Ellenbogen in meine Seite. Klar ist es ein schnelles Lied. Aber ich tanze weiter, verziehe das Gesicht, will mir aber das Feiern nicht nehmen lassen - nicht nach dieser Woche. Nächstes Lied, neben mir hüpft es. Es hüpft an mich ran, an mir vorbei, auf meinen Fuß. Hey, was haben wir alle Spaß!
Interessanterweise geht es mir nicht alleine so. Auch meine Allerbeste hat ständig unfreiwilligen Kontakt mit vielen fremden Menschen. Wir wechseln den Platz auf der Tanzfläche, nur um Sekundenbruchteile später festzustellen, dass eben die paar Menschen die mit ihrem kleinen Dasein so unendlich beschäftigt sind, wieder neben und somit auch an uns tanzen. Weitere Blessuren sind zu verzeichnen. Ein Sprung auf einen Fuß, eine Verbrennung mit einer Zigarette, weiteres volltrunkenes Anrempeln...
Mittlerweile ist es 3 Uhr nachts, es ist leerer geworden. Platz auf der Tanzfläche, gute Musik. Und da sind sie wieder...
Ja, ich habe einen Magneten im Arsch, dessen bin ich mir nun mehr als sicher. Bisher dachte ich, dass dieser nur bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel in Erscheinung tritt, aber weit gefehlt.
Ich gebe es nun offiziell zu: Meine persönliche Wohlfühldistanz beträgt mehr als nur zwei Zentimeter! Und: Ja, ich entscheide gerne selbst, ob ich Körperkontakte möchte. So please, don't be so touchy!
Gedenken wir in diesem Zusammenhang doch einfach mal Patrick Swayze, wenn er Jennifer Grey Folgendes erklärt: "Dies ist mein Tanzbereich...und dies ist dein Tanzbereich!" 

Wenn Deutschland schon ins Finale kommt, dann muss man sich das doch auch mit vielen anderen Menschen gemeinsam ansehen, klare Sache...und da ich meinen Einsatz diesbezüglich im Sommer sauber verpasst hatte, war ja mal klar, dass die Handballjungs in den Dortmunder Westfalenhallen gefeiert werden müssen.
Schon vor Beginn des Spiels war Riesenstimmung angesagt, singen, hüpfen, tanzen...die komplette Palette eben. Bis zu diesem klitzekleinen Zeitpunkt als auf einmal eine Frau hinter mir stand, die ob ihrer durchdringenden Stimme nicht zu ignorieren war (Doug hätte garantiert zu ihr gesagt: "Denk an deine Draußen-Stimme!"). Gut, der Beamer funktionierte nicht einwandfrei (warum nicht auch mal 15 Minuten lang ein zweigeteiltes Bild anschauen - wobei sich die untere Hälfte natürlich am oberen Bildrand befand und die obere am unteren...), aber letztlich zählt die Stimmung und das technische Problem würde sicherlich bald behoben werden...
Nun, man kann sich auch in aller Ausführlichkeit darüber echauffieren... "Was isn dat für ne Scheiße? Mensch, wären wir mal zu Hause geblieben!" - Richtig, Schätzchen, wäre für alle hier stehenden besser gewesen... Unübertroffen aber der Moment, als die Mannschaft einlief und somit auch der Trainer zu sehen war: "Was hat der denn da fürn Bart? Kann der den mal abschneiden? Tze, wie sieht das denn aus!?" Abgesehen von ihrer absoluten Eloquenz war sie zudem noch dermaßen mitteilsam, dass selbst arg bissige Kommentare unsererseits als Anlass gesehen wurden, von unendlich interessanten Erlebnissen zu berichten. Ich danke ihr jetzt noch dafür, dass sie nach kurzer Zeit den Platz gewechselt hat. Merci! Ich bin mir allerdings sicher, dass das nicht das letzte Mal war, dass ich sie gesehen habe...sie wäre die optimale Kandidatin für eine weitere Folge der so unendlich grandiosen Serie "Frauentausch".
Auf dem Weg nach Hause traf ich dann noch eine meiner Schülerinnen, die sich ganz interessiert nach meinen Freizeitaktivitäten an einem Sonntagnachmittag erkundigte und auf mein strahlendes "Hey, Deutschland ist Weltmeister geworden!" mit einem "Echt? Wie haben die denn gespielt? 2:1?" reagierte... Manchmal liebe ich sie einfach...die 15jährigen dieser Welt, deren Blick sich auf das Wesentliche beschränkt und wo es unwichtig ist, dass es da doch den ein oder anderen Unterschied zwischen Hand- und Fußball gibt...
Laune: grandios

Ich sitze alleine mit meiner leicht überdimensionierten Handtasche auf einer für zwei Personen vorgesehenen Bank, mir gegenüber die Bank ist leer. Würde nun ein weiterer Fahrgast kommen und sich setzen wollen, wo würde er sich hinsetzen? Richtig! Mir schräg gegenüber.
Es kommt ein weiterer Fahrgast... Er kommt auf mich und die drei restlichen freien Plätze zu, wirft sein Sammelsurium an Tüten auf die mir gegenüberliegenden Sitze, starrt mich an und ruft:

Als Single geht man viele Wege...unter anderem auch die über die vielen Online-Communities, um einfach mal "neue" Leute kennenzulernen. Es ergibt sich der ein oder andere nette bis interessante Chat, man tauscht die ICQ- oder MSN-Adresse aus...und dann stellt sie sich, die Frage aller Fragen: Festnetz oder Handy?
Kann ich einem Mann, den ich eigentlich gar nicht kenne, der vielleicht nicht im Ansatz der ist, der er vorgibt zu sein (hey, es ist schließlich Internet) meine Telefonnummer geben? Und wenn ja - welche? Mit dem Handy hab ich kein gutes Netz in meiner Wohnung (das Telefonat wäre also gespickt mit unendlich vielen "was?", "wie bitte?", "was hast du gesagt?"), aber die Festnetznummer?
Dann der grandiose Einfall des Herren, der ob meiner Unentschlossenheit schon langsam ungeduldig zu werden scheint: Wir telefonieren zunächst per Handy - und wenn's "passt" (jaja...) im Anschluss per Festnetz.
Angenehme Stimme, Gelächter...Festnetz. Klare Sache. Man versteht sich...augenscheinlich. Nur, warum um alles in der Welt reden wir jetzt schon wieder über Sex? Oder immer noch? Hmmm... Jeglicher Versuch meinerseits ein besser geeignetes Thema für ein erstes (!) Telefonat zu finden wird ignoriert.
Und plötzlich weiß ich, was mich so sehr stört und mir wiederum doch so unendlich bekannt vorkommt! Ich fühle mich wie in einem Verkaufsgespräch. Nur, dass hier nicht ein Gartengerät, ohne welches es sich nicht länger zu leben lohnt, angepriesen wird, sondern verschiedene Arten des Verkehrs. Auf jedes "mag ja sein" meinerseits weiß mein Gegenüber gekonnt zu reagieren und mir die Vorteile in aller Ausführlichkeit zu beschreiben. Fast könnte man meinen, er hätte einen CallCenter-Gesprächsleitfaden an seiner Seite, um mich auch ja von seiner Meinung überzeugen zu können. Frei nach dem Motto: "Das ist doch etwas, nicht wahr?" Glücklicherweise beschließt der Herr alsbald das Gespräch zu beenden, da es nicht den gewünschten Erfolg verspricht. Sowas aber auch!
Immernoch kopfschüttelnd lege ich den Hörer an die Seite und blicke verwirrt auf meinen Monitor. Eine neue Nachricht von einer weiteren mir fremden Person in der Inbox: "Hey, sexy Frau, hast Du ne cam?"
