08. September 2008
"Scheiße scheiße scheiße scheiße!" denke ich und zerdrücke meinen Zeigefinger auf dem "Haltewunsch"-Knopf. Klickerklickerklicker ... der Busfahrer seufzt schon ganz genervt, denn jedes Klickern lässt bei ihm die "Haltewunsch"-Lampe aufleuchten, und so hektisch, wie ich den Knopf betätige, hat der Busfahrer vorne in seiner Kanzel eine stroboskopartige Privatdisko.
Der Bus steht im Nadelöhr kurz vorm Hauptbahnhof, wo sich seit Kurzem auch noch eine Baustelle befindet. Es geht ungefähr so schnell vorwärts wie in der Großen Koalition. Wobei: nicht Rückwärts. Der Bus steckt fest. Vor ihm stehen rund sechzig Autos, und die Ampelschaltung vor dem Blechpulk ist so raffiniert gerhythmust, dass es bei jeder Grünphase genau anderthalb Autos über die Kreuzung schaffen. Ich bin verzweifelt. Der Scheiß-Bus hatte ohnehin schon Verspätung, und jetzt sind es noch dreieinhalb Minuten bis mein Zug abfährt. Ich gebe das Tickern auf, stürme zum Busfahrer und rufe: "Bitte machen sie die Tür auf, mein Zug fährt gleich!" Der Busfahrer sieht deutlich das Weiße in meinen Augen. "Ausnahmsweise" sagt er gönnerhaft und lässt die Bustüren aufgehen. Ich springe auf die Fahrbahn und sprinte über die Baustelle zum Hauptbahnhof. Noch drei Minuten. Und Fahrkarten kaufen muss ich auch noch.
Zum Glück hat die Bahn nach langen Jahren des Bescheuertseins eine neue Serie Automaten installiert. Eine neue Serie, die deutlich schneller rechnen kann als die Alte, bei denen der Ladebalken ungefähr so langsam vorankam, dass man sich bei der Berechnung einer halbwegs durchschnittlichen Zugverbindung eigentlich auch auf eine Schnecke mit Zügeln hätte setzen und die gewünschte Strecke schaffen können, bevor der leidige Ladebalken endlich das ihm gegenüberliegende Ende erreicht. Es war, als steckte in solchen Automaten ein Affe mit Kurbel, der die langsamen Mühlen der Zugangebotsberechnungen mit einer Mischung aus Muskelschwund und Rheumatismus bediente.
Das Problem ist aber: Vor diesen schnellen, neuen Automaten stehen langsame, alte Menschen. Völlig ratlos starren sie auf die Bildschirme und tippen, die Zunge im Mundwinkel steckend, zehn bis zwölfmal auf den Bildschirm, der nicht reagiert, bis sie endlich die gewünschte Taste mit der Aufschrift "Fahrkarte" erwischt haben, weil das dazugehörige Sensorfeld meist auch noch ein Stückchen unterhalb der im Grafikfenster markierten Tippfläche liegt.
Doch zurück zu mir.
Ich kämpfe mich über den Bahnhofsvorplatz, reiße im Vorbeipesen einem Punker beinahe die zwecks Spendenbitte ausgestreckte Hand ab, sein Kleingeld wird hinfort gesprengt und bleibt in anderer Leute Stirnen stecken, ich rempele drei Reihen Menschen zur Seite, die sich empört umdrehen, sprenge eine Gruppe Prolls auseinander, die mir wüste Beschimpfungen hinterher skandiert, breche in Schweiß aus und erreiche endlich die Automaten in der Halle. Doch was sehe ich da: Alle vier Stück sind blockiert.
Zum Glück hat es in Hannover, im Gegensatz zu anderen Großbahnhöfen, bei denen man sowas erstmal wissen muss, gleich dahinter das Reisezentrum, wo eine ganze Armada Fahrkartenausspucker zur Verfügung steht. Auch dort drängt sich das Volk, jedoch ist immer irgendwo ein freies Gerät zu erwischen. Zweieinhalb Minuten noch, das müsste ich schaffen.
Ich entere das Automatennest. Auch hier wuseln ratlose Rentnerehepaare und Riesenrucksackträger mit klapperndem Gebamsel dran umeinander. Dennoch ist ein vakantes Terminal schnell gefunden. Ich tippe meine Koordinaten im Schnelldurchlauf hinein. Da gesellt sich mir eine Frau mit keckem Barett zur Seite. Auf dem Barett steht "Automatenguide". Ich rätsele kurz über diese seltsame Buchstabenkomposition und assoziere schließlich "Druide". Sie muss eine gesandte Weise sein. "Hallo, kann ich Ihnen helfen?", fragt mich die Frau. "Ja", sage ich. "Rennen sie zu Gleis 12, stellen sie sich in die der Treppe am nächsten befindlichen Zugtüren und stemmen sich kräftig dagegen!"
"Aha. Wenn's weiter nichts ist..."
Beleidigt zieht die Hilfsbereite ab. Ich ziehe derweil mein Portmonee hervor, denn der Fahrkartenautomat hat mir eine zeitaufwändige Verbindung und einen saftigen Preis vorgeschlagen, nach welchen Maßstäben alles in Ordnung zu sein scheint. Ich schiebe meine BahnCard in des Gerätes Leseschlitz. Da fängt es laut an zu piepen. Die Köpfe der Umstehenden, darunter der der Automatenguide, drehen sich zu mir um. Die Guide lacht. Ich versuche es wieder und wieder, aber meine BahnCard kann aus irgendeinem Grund nicht gelesen werden, obwohl ich sie richtig rum eingeführt habe. Zum Glück kennt das System auch für dieses Problem eine Lösung: Bitte geben sie ihre 16-stellige BahnCard-Nummer manuell ein. Na toll, denke ich und tippe mir einen Wolf. Noch anderthalb Minuten bis zur Zugabfahrt.
Dann endlich blinkt der Ausgabeschacht, werden die Tickets – reeee reeee rätt, reeee reeee rätt, ruuuu riii drrrt! – gedruckt und nacheinander fallen die Schnipsel hinter das Sichtglas.
Fein, denke ich mir, noch sechzig Sekunden, um zu Gleis 12 zu gelangen.
Augenblicklich rempele ich Rentner beiseite, sprinte Richtung Tunnel, flutsche durch Lücken zwischen Menschen, die sich erschrecken und zusammen zucken, weiche Querläufern aus, springe über Hunde und Rollkoffer, Rollkoffer, Rollkoffer. Doch es ist wie verflucht. Überall schießen einem diese beknackten Passanten in den Weg. Von rechts und links, kreuz und quer, oben, unten. Es ist wie in einem Traum, in dem man schnell vorankommen muss, doch wie durch zähen Brei läuft. Aber vielmehr ist es wie ein Geschicklichkeitsspiel auf Level 99. Ich möchte Super Mario sein und einen Schildkrötenpanzer schießen, der die Menschen aus dem Weg räumt. Nein, ich möchte am liebsten ein hünenhafter Footballspieler mit zwei-Meter-Kreuz und Kevlarpanzerung sein, der die Menschen aus dem Weg räumt. Nein, ich möchte eine Lokomotive mit Rinderpflug sein, der ... Doch ich bin ein Hautständer mit Anti-Postbotenschultern, von denen jede Tasche runterrutscht. Der um die Menschen herumhauchen muss wie ein Knüllchen Krepppapier. Ich sammle Blaue Flecken wie andere Kronkorken oder Kunstgemälde. Aber ich verteile sie auch. Hab ja über all harte Knochen rausgucken. Im Zickzack kante ich durch die umhertreibenden Reigen trägen Menschenfleisches. Am schlimmsten fallen mir jene auf, die direkt vor mir abrupt stehen bleiben, weil sie urplötzlich eine Informationstafel studieren müssen.
Am hannoverschen Hauptbahnhof, wer das schon mal erlebt hat, befinden sich Myriaden dieser Leuchttafeln, Schilder und Bildschirme, und sie scheinen bar jeder Systematik überall verteilt. Es gibt sogar architektonisch exakte 3D-Simulationen des Gebäudes. Aber was interessiert das jemanden, dessen Zug in weniger als zwanzig Sekunden die Pforten schließt. Ich versuche zu beschleunigen und renne direkt in ein tätowiertes Nilpferd hinein. Wir haben versucht, einander auszuweichen, aber immer wieder wie in einem Spiegel-Panthomimespiel dieselbe Richtung angedeutet. Die Kollision war unvermeidbar. Zeitlupe. Die Druckwelle lässt die Informationstafeln schaukeln, Koffer bersten und wie in einem Actionfilm explodieren von umherfliegenden Gegenständen getroffene Passanten, als wären sie aus Nitroglycerin. Das Nilpferd keucht schwer, als hätte es eine Kanonenkugel in den Bauch gekriegt. Meine Wirbelsäule sieht durch den Aufprall aus wie ein Hakenkreuz, was die bitterbösen Blicke der Überlebenden erklärt. Doch ich rappele mich auf. "Muss... zum... Zug..." stöhne ich schwerfällig und stolpere zum Aufgang. Ein letzter Blick zurück in die Gesichter der Geschädigten, das Nilpferd schält sich gerade mühselig aus einem Berg Menschen, meine Augen sagen "Tut mir leid", doch mein Körper sagt GoodBye ...
Als ich die Treppe mit letzter Kraft hinauf japse, ist die Anzeigentafel gerade am Flattern. Kacke, denke ich erschöpft, der Zug ist weg. Doch da kommt die Tafel zur Ruhe: Mein Zug wird angezeigt. Plus fünf Minuten Verspätung. Ich breche augenblicklich zusammen.